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04.12.03|08:32|Von: Falk Philipp

Von den "Guten" und den "Bösen" Alpen

von Wilfried ALPINUS Richter, Schweiz

Anmerkung des Webmasters:  Dieser Artikel ist in der Zeitschrift "Alpenverein" Nr. 1/2000 des Österreichischen Alpenvereins erschienen. Der Abdruck in dieser Hompage erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Österreichischen Alpenvereins in Innsbruck.

Die "guten" Alpen sind langweilig. Wenn nichts passiert. Die Alpen interessieren niemanden, vor allem niemanden in den Medien. Wenn es keine Sensationen zu melden gibt.
Die Alpen sind "böse". Wenn etwas passiert. Zum Beispiel, wenn Dutzende von Lawinentoten zu beklagen sind. Wie im Winter vor einem Jahr. Oder wenn 21 Teilnehmer eines Canyoning-Ausflugs in einer Wasserwalze nach einem Gewitter umkommen. Wie im vergangenen Sommer. Oder wenn sich in den Sommermonaten die Meldungen von abgestürzten Bergsteigern und Bergwanderern häufen.

Dann sind die Alpen, die sonst angeblich so langweilig sind und niemanden interessieren, plötzlich ein Thema. Dann sind es die "bösen" Alpen. Oder die Leute in en Alpen "zocken" die Touristen ab, ohne Rücksicht auf Verluste.

Starke Worte, mag jetzt jeder denken. Aber sie stimmen - leider, wie die Vergangenheit immer wieder bewiesen hat. Als im Februar 1999 Die Lawinen niedergingen und zum Beispiel in Galtür über 30 Menschen starben, da war die Wut in vielen Menschen über die "bösen" Alpen" groß. Und das wurde auch mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht.
Und als im vergangenen Sommer 21 junge Menschen im Berner Oberland starben, da wurde es vielfach als selbstverständlich angesehen, dass in der heutigen Zeit die Adrenalin-Sucht befriedigt werden muss. Und das am besten in den Alpen. Kaum einer, der mit der Faust auf den Tisch geschlagen hat und den Drang nach immer "extremeren Späßen" angeprangert hätte. Man müsse halt in Zukunft etwas mehr auf sicher gehen und vielleicht die Ausbildung (soweit überhaupt vorhanden) der sogenannten "Guides" verbessern, hieß es beschwichtigend.

 

Die Alpen als Spielzeug

 

Das Grundproblem ist: Die Alpen werden von vielen Menschen, vor allem von außerhalb der Alpen, als "lustiges Spielzeug" betrachtet. Die Ferienkataloge zeigen die Alpen nur als farbenfrohe, herrliche Landschaft. Wie im Bilderbuch. Kein Wort darüber, dass die Alpen ein sensibler Lebensraum sind, in dem die Natur schneller und stärker zu- (oder zurück-) schlägt, wenn ihr Schaden angetan wird oder wenn die Gefahren missachtet werden. Ganz zu schweigen von den Medien: Gibt es Hintergrund-Informationen in Zeiten, in denen nichts Sensationelles oder Dramatisches aus den Alpen gemeldet wird? Fehlanzeige.
Unterstützt wird dieser gefährliche Zustand noch von einigen alpinen Zeitgenossen, die nur als unverantwortlich bezeichnet werden können. Zum Beispiel ein gewisser Günther Aloys aus Ischgl, von vielen Medien als "Tourismus-Vordenker" verhätschelt und immer wieder auf dem Silber-Tablett serviert. Da fordert Aloys die extremsten Dinge und meint nur ein verrückter Tourismus habe in Zukunft noch eine Chance.
Oder die Gestalter von Tourismus-Prospekten. Den Gipfel der Geschmack- und Verantwortungslosigkeit leistete sich dabei Berner Oberland Tourismus. Im Winterkatalog 1999/2000, wenige Tage nach der Canyoning-Katastrophe im Saxetbach bei Interlaken erschienen, war zu lesen:
"Adrenalin-Junkie: Wenn sie sich die Piste hinunterstürzen, hüpfen Skihäschen quiekend in Sicherheit und schimpfende Skistöcke mahnen zur Vernunft. Sie lachen über die FIS-Regeln und finden die letzte Herausforderung abseits der Piste, wo sie mit Schneelawinen Wettrennen veranstalten... . Das Berner Oberland hält für Sie auch ein paar Kicks in petto..."
Die Zeilen seien angesichts der 21 Toten wohl nicht angebracht, aber man das im Stress und Trubel übersehen, hieß es von der Chef-Etage von Berner Oberland Tourismus. Aber das Berner Oberland brauche junge Gäste und müsse sie mit dem Adrenalin-Kick ansprechen. Und außerdem würden die Menschen sowieso schnell vergessen, und das Berner Oberland bleibe als "Abenteuerland" in den Köpfen der Menschen. Die Werbeagentur Trimarca in Chur, Urheber des skandalösen Textes, meinte auf den durch den Artikel bei der Nachrichtenagentur Associated Press (Gott sei Dank) ausgelösten Wirbel: Das Ganze sei ironisch gemeint und beziehe sich auf einen in keiner Weise ernst gemeinten Test, welcher Schneetyp der einzelne sei.
Übrigens: Im vergangenen Sommerkatalog con Berner Oberland Tourismus wurden die "Fun-Faktoren" der verschiedenen Extremsportarten mit "Totenköpfen" bewertet...
In diesem Zusammenhang muss wohl auch ein Fernseh-Ereignis vom vergangen Herbst angesprochen werden: Die Live-Übertragung des Schweizer Fernsehens von der Besteigung der berühmt-berüchtigten Eiger-Nordwand.
Zwar wurde dieser "Event" mit mehreren Fernsehpreisen ausgezeichnet, doch sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, ob solche Spektakel nicht auch dazu beitragen, beim breiten Publikum den Eindruck zu erwecken, so "wild" und gefährlich seien die Alpen ja gar nicht.

Soll man dazu noch weitere Worte verlieren?

Damit sind wir wieder bei einem schon oben angesprochenen Punkt: Die Alpen werden, auch von vielen Tourismus-Verantwortlichen, als "Spielwiese" dargestellt, die alles mit sich machen lässt und in der jeder ungehindert seinem "Hauptsache-Fun" nachgehen kann und die letzte Erfüllung im "Adrenalin-Kick" findet.
Die unqualifizierten geistigen Verirrungen und Verwirrungen eines Günther Aloys und Prospekt-Aussagen wie im Berner Oberland sind sicher extreme Auswüchse. Aber trotzdem: Zu bedenken ist, dass die Aussagen eines Günther Aloys oder die Werbe-"Botschaften" eines Berner Oberlandes vor allem Leute außerhalb der Alpen erreichen und nicht Insider. Eben Menschen, die oft meinen, die Alpen seien ein "lustiges und harmloses" Spielzeug. Und denen solche Gedanken mit derartig unverantwortlichen Werbetexten und Aussagen noch schmackhaft gemacht werden. Bis aus den "guten" plötzlich "böse" Alpen werden. Ihre Ursache hat diese gefährliche Situation natürlich auch in der heutigen Geisteshaltung vieler Menschen. Es zählt nur noch das Extreme, das Sensationelle, und das muss möglichst immer noch gesteigert werden. Grenzen müssen nicht nur erreicht, sondern möglichst noch überschritten werden. Heftige Adrenalin-Stöße sind das allein Seligmachende, sogar vom letzten Kick und der "Todessehnsucht" ist oftmals die Rede. Nun scheinen gerade die Alpen für diese Art von Menschen das "Paradies" zu sein. Doch hier soll und muss sich massiver Widerstand aufbauen und auch in den Köpfen der alpinen Tourismus-Anbieter festsetzen: Die Alpen sind wirklich ein Paradies: Aber eines aus der Einmaligkeit der Landschaft, aus dem Respekt gegenüber der Natur, aus Einfühlsamkeit gegenüber der Kultur. Und keine Spielwiese für Extreme, Verrückte und Adrenalin-Junkies. Die zu vermitteln, ist die dringende Aufgabe aller, denen der Lebensraum Alpen am Herzen liegt.

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